Im Namen des Mediums Wer spricht und in welchem Namen? - Am Anfang des Begriffs "Medium",
als die Frage nach dem Medialen in der Geschichte laut wird, steht
der Mensch. Das Medium ist der Mensch, der sowohl eigene wie auch
fremde Stimmen durch sich manifestiert und zur Welt kommen lässt,
ohne dabei das Eigene vom Fremden zu unterscheiden. Seit im Europa
des 19. Jahrhunderts die Geister in den spiritistisch-theosophischen
Gesellschaften redselig werden und zu sprechen beginnen, seit
die klassische Avantgarde das Fremde zum Eigenen, die Botschaft
des Mediums zur eigenen Botschaft macht, ist die Lage heute nicht
anders: Wir leben inmitten einer medialen Welt, deren Zeichen
und Mitteilungen in ihren Ursprüngen uns für immer verborgen sind
- der Raum hinter den medialen Oberflächen bleibt dunkel... Stimmen der Kritik: "Boris Groys meistert sein Medium. Er hat sie gründlich gelernt,
die Lektion aus den Valorisierungsleistungen des Kunstbetriebs,
und weiß, wie man sich im Gespräch hält. Derzeit dreht sich alles
um Medientheorie, nun denn, er liefert Medientheorie - aber was
für eine! "Seine in charmantem russischem Akzent geäußerten Gedanken kann
man auf dieser liebevoll gestalteten CD nachhören... Originelle
Einsichten, um eine einstündige Autobahnfahrt zu vergolden." (Die
Zeit) "Die Exkurse sind so anregend wie originell. Wer Groys leicht
näselnden, weichen russischen Akzent und seinen selbstironischen
Unterton noch nicht kennt, darf sich auch darauf freuen..." (Tages-Anzeiger,
Zürich) "Uferlos geht sie, die Rede über "die Medien", deren Macht und
Magie. Dabei vergisst diese Rede gerne, dass sie - in Sprache,
Stimme und Übermittlung - selber ein multiples Medium ist. Was
aber gäbe es dann in der Menschenwelt, fragt Boris Groys , das
kein Medium ist? Gewitzt und listig packt der Kunst- und Medientheoretiker
das "Medium" beim Schopf seiner Widersprüche und zieht es elegant
aus dem Sumpf des Selbstverständlichen heraus. Mit Verweis auf
das 1861 erschienene Buch der Medien des Pestalozzi-Schülers Allan
Kardec erinnert Groys an den Spiritismus des 19. Jahrhunderts,
in dessen Mittelpunkt das menschliche Medium stand. Der Fingerzeig
in Richtung der historischen Seancen führt bei Groys allerdings
nicht zur Esoterik, sondern lenkt - im Gegenteil - unsere Aufmerksamkeit
auf den Umstand hin, dass jeder Mensch ein Medium ist. Somit dem
Gemeinverständnis widersprechend, wir seien zu passiven Konsumenten
technisch reproduzierter Medienspektakel verkommen, definiert
Groys das menschliche Medium als aktives, sprechendes, handelndes
und politisch verantwortliches Subjekt. In freier - mitunter über
schwindelnde Assoziationen hinwegtänzelnder - Rede spricht Groys
nicht einem traditionellen Humanismus das Wort, sondern der Sprengkraft
des unauflösbaren Verdachtes: Nie können wir wissen, wer "dahinter"
steckt, wenn jemand spricht. Schon gar nicht bei einem Philosophen,
der vor dem Mikrofon improvisiert und dabei - gut hörbar - lächelt." "Ausgehend von den Beschwörungs-Medien des 19. Jahrhunderts bestimmt
Groys unsere moderne Medialität ... Eine CD für Menschen, die
überraschende Gedankenwendungen lieben und die Auseinandersetzung
mit wildem Denken." (Martin Zeyn, BR 2 Radio, 15-5 Hörbuchmagazin) "... die Stimme überwältigt, während die Schrift eine kritische
Distanz fördert. Im Namen des Mediums macht beides gleichzeitig anschaulich: die Macht der Stimme über
den Zuhörer - und die Möglichkeit, sie technisch zu distanzieren.
Groys ist ein suggestiver Sprecher; er versteht es, den Gesprächspartner
in seinen Bann zu ziehen. Hier feiert die Stimme ihre Auferstehung
aus dem Schriftgrab." (Luca Di Blasi, NZZ) "Unter Medium versteht Groys nicht nur die Medienbranche als technischen
bzw. wirtschaftlichen Apparat. Vielmehr fragt er, inwiefern der
Mensch Medium ist, Medium in dem Sinn, daß er nicht Autor (oder
philosophisches Subjekt) seiner Botschaften ist, sondern Medium
eines "Geistes", der durch ihn hindurch sich äußert. Als Geist
ist die Eingebundenheit in materielle und kulturelle Gegebenheiten
zu verstehen, die die (Lebens-)Äußerungen von Menschen prägt.
Unter dem Gesichtspunkt Mensch als Medium setzt sich Groys auch
mit islamischen Selbstmord-Attentätern auseinander. Denn diese
Menschen begreifen sich als Medium des Islam, eine Haltung, die
Protagonisten aus dem westlichen Kulturkreis schwer verständlich
erscheint, weil hier Menschen nicht als Medium, sondern als Autoren
ihrer Lebensäußerungen propagiert werden. Diese Bezüge zu konkreten
zeitgenössischen Phänomenen machen die historischen und theoretischen
Analysen des Begriffs Medium spannend und erkenntnisfördernd."
(Jadwiga Adamiak, Widerspruch)
mit Boris Groys
Konzeption und Regie: Thomas Knoefel
Erzähler: Boris Groys
Aufnahme: Klaus Sander
Schnitt: Anja Theismann
Mastering: Timm Sander, Interface Studios Köln
Produktion: supposé 2004
Audio-CD, 61 Minuten
ISBN-10: 3-932513-52-5
ISBN-13: 978-3-932513-52-7
EUR 18,00
Die Ununterscheidbarkeit von Medium als Medium und Medium als
Autor, von bewusst und unbewusst, menschlich und unmenschlich
- hier beginnt Groys "geistreicher" Kommentar zur medialen Lage
der Gegenwart - wird zu einer Frage des Politischen, der, gleichwohl
unbegründbaren Entscheidung sich zu bekennen: Und so bekennt sich
Groys zur Idee des "Menschen als nur Medium eines anderen - eines
anderen Geistes". Die Besessenheit durch das andere ist aber auch
durch wissenschaftlichen Exorzismus (Freud) nicht auszutreiben,
zu heilen! Wie der Terrorrist sich rückhaltlos medialisiert als
Botschafter eines anderen Geistes, einer Obsession, einer Kraft,
eines fremden Himmels, so etwa haben Malewitsch oder Kandinsky
sich bekannt als Medien einer anderen Welt - der reinen Formen
und Farben. Die Medialität des Menschen also ist Bekenntnis: Der
Mensch bekennt sich - und sei es im Tod.
Wie fremd solches Denken heute erscheint, zeigt sich nicht zuletzt
darin, dass wir die Sprache verloren haben, in der es lebendig
bleiben, zu uns sprechen kann. Groys selbst, so scheint es, wird
mit seiner Medientheorie, in der die Bestimmung des Mediums im
Bekenntnis liegt, zum Medium eines vergessenes Geistes, einer
entlegenen, fernen Stimme...
Inhalt: Der Mensch als Medium / Medien der Kunst / Medialität
und Politik / Die Zeichen der Geister / Räume des Vergleichs /
Geist und Gespenst / Im Namen des Mediums

Boris Groys (geboren 1947) ist Professor für Philosophie und Medientheorie
an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe.
Das Ganze wird zur exklusiven Séance mit dem Meister, der konsequent
vorführt, was es heißt, sich der Botschaft der (Medien-)Welt auszusetzen
- manipuliert zu werden und die Stimme des Jenseits, die Sprache
irgendeines Anderen zu sein, oder in reflexiver Überbietung zum
Medium des Mediums zu werden." (Frank Hartmann, Telepolis)
(Christiane Zintzen, Neue Zürcher Zeitung)